Friedrich-Bährens Gymnasium

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2006


Schüleraustausch mit Russland (2006)

In diesem Jahr sind wir im Rahmen unseres Russlandaustausches mit der Goethe-Schule zwischen dem 9. und 19. Juni nach Moskau und St. Petersburg gefahren. Wir wohnten 3 Tage im Ismailovo-Hotel in Moskau, besichtigten die Stadt und machten eine Exkursion nach Istra, wo sich das Neu-Jerusalem-Kloster befindet. Diese Klosteranlage ist erst nach dem Ende der Sowjet-Union der Kirche zurückgegeben worden und noch nicht wieder komplett restauriert.

Russland_2006Bilder_1Wir fuhren dann mit der Eisenbahn nach St. Petersburg wo wir unser Programm im Rahmen der Austauschmaßnahme mit der Goethe-Schule absolvierten. Wir haben natürlich die "Highlights" St. Petersburgs gesehen und haben Exkursionen zu den Sommerresidenzen der Zaren in Peterhof und Zarskoje Selo durchgeführt. Am Ende fuhren wir mit dem Nachtzug im Schlafwagen zurück nach Moskau, von wo wir dann nach Düsseldorf zurück flogen.

Die Schülerin Laura Pütz hat einen wunderbaren Reisebericht über diese Fahrt erstellt.

 

Russlandbericht 2006


1. Tag: Freitag, 09.06.2006

Morgens um 6.30 Uhr treffen wir uns am Schwerter Bahnhof. Unsere Gruppe umfasst elf Teilnehmer; zehn Mädchen und einen Jungen aus den Klassen 9-11, zusätzlich natürlich noch zwei Lehrer und die Mutter einer Teilnehmerin, die ebenfalls als Begleitperson mitfährt. Nachdem wir uns alle von unseren Eltern verabschiedet haben, wuchten wir unsere Koffer in den Zug nach Dortmund und winken unseren Eltern und natürlich auch Schwerte nach, die wir jetzt alle elf Tage lang nicht sehen werden.

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In Dortmund steigen wir in den Zug nach Düsseldorf um. Am Flughafen angekommen, wird es ein wenig stressig. Wir müssen einchecken, dem skeptischen Beamten beweisen, dass der Grund für das laute Piepen wirklich nur der Gürtel ist, ungefähr drei Mal unsere Reisepässe vorzeigen und darauf achten, dass niemand aus der Gruppe verloren geht.

Nun sitzen wir in der Halle und warten auf den Aufruf, in den Flieger zu steigen. Zwei von uns haben ein wenig Flugangst, die anderen blicken dem bevorstehenden Flug anscheinend recht gelassen entgegen. Dann endlich können wir einsteigen. Die zwei Schülerinnen mit der Flugangst bekommen von einer freundlichen Stewardess das Cockpit gezeigt, anbei wird ihnen versichert, dass der Flieger ohne Probleme in Moskau landen wird. Ein wenig beruhigter, sitzen schließlich auch diese beiden auf ihren Plätzen. Im Sonnenschein hebt der Flieger ab und wir verlassen Deutschland.

Nach ca. drei Stunden Flug (Das Mittagessen war übrigens gar nicht so übel: Als Nachtisch gab es zwei Pralinen in Fußballform, schließlich beginnt heute die FIFA Fußball WM in Deutschland.) erreichen wir Russland. Alle verrenken sich die Hälse, um aus der Luft einen ersten Blick auf das unbekannte Land zu werfen. Wohin man auch sieht, fast alles ist dunkelgrün. Riesige Flächen Russlands scheinen von dichten Wäldern bedeckt zu sein.

Russland_2006Bericht_3 Die Landung ist etwas holprig, doch dann stehen wir auf - na ja - festen Rädern im Moskauer Flughafen Scheremetjewo. So wie die Sonne (sehr untypisch, wie ich meine) in Deutschland schien, als wir abgeflogen sind, so regnet es jetzt in Moskau. Der Regen macht das riesige, braune und ein wenig heruntergekommene Gebäude, das mit unzähligen Stockwerken vor uns aufragt nicht gerade attraktiver, doch man soll sich ja bekanntlich nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen. Wir steigen aus und wuseln uns durch die Menschenmassen zum Ausgang. Überall hängen Schilder mit der uns unverständlichen kyrillischen Schrift. Auch die russische Sprache, die wir auf einmal überall hören, klingt fremd und hart.

Bevor wir uns versehen, stehen wir wieder in einer nicht enden wollenden Menschenschlange, um noch einmal unseren Pass und unser Visum überprüfen zu lassen. Am Ausgang stehen viele Menschen, die Schilder hochhalten, auf denen unterschiedliche Namen stehen. Sie sind gekommen um diese Leute abzuholen. Nach einiger Verzögerung werden auch wir abgeholt. Während eine große Gruppe Japaner Foto schießend an uns vorbeizockelt (Nein, das mit den Fotos ist in der Tat kein Vorurteil), steigen wir in den für uns bereitstehenden Kleinbus. Die beiden jungen Frauen, die uns abholen, sprechen gutes Englisch und erklären uns einige Sachen während wir den hoffnungslos überfüllten Moskauer Ring passieren. Riesige Hochhäuser reihen sich aneinander.

Nach ungefähr weiteren anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel: Das Hotel Ismailovo in Moskau. Beinah ehrfürchtig stehen wir vor den vier Gebäuden mit jeweils über zwanzig Stockwerken und gut 8000 Betten. Wir laden das Gepäck aus und müssen, um unsere Zimmernummern und die dazugehörigen Karten zu bekommen, zur Abwechslung unsere Reisepässe vorzeigen. Unsere Zimmer liegen allesamt im 19. Stock, doch glücklicherweise hat eine intelligente Person irgendwann einmal den Aufzug erfunden (Danke!).

Wir richten uns ein. Die Zimmer sind in dunklen Farben eingerichtet, allerdings sehr gemütlich und sie besitzen sogar (!) einen kleinen Kühlschrank. Aus unserem Fenster hat man einen überwältigenden Ausblick auf die Stadt, die gerade von der untergehenden Sonne in rotes Licht getaucht wird. Unser Fenster lässt sich nicht öffnen, was allerdings angesichts der beachtlichen Höhe, in der sich unser Zimmer befindet, nicht weiter schlimm ist.

Russland_2006Bericht_4Die ganze Gruppe hat sich unten an der Rezeption verabredet. Dann wird beredet, was wir mit dem Rest des Abends anfangen. Zwei der Mädchen wollen das erste Fußballspiel nicht verpassen und beschließen, es sich in der Lobby anzuschauen, ein Lehrer und unser einziger Junge fahren ins Stadtzentrum, um dort in einem Reisebüro die Hotel- und Besichtigungskosten zu bezahlen. Danach machen sie noch einen kleinen Rundgang über den Roten Platz und die nähere Umgebung. Der Rest fasst den Entschluss, in einem Restaurant in einem Holzhaus, nur hundert Meter weiter, essen zu gehen. (Ich kann nur von der letzteren Gruppe berichten, der ich angehörte.) Das Haus scheint halb Sauna, halb Restaurant zu sein, und besteht durch und durch aus Holz. Es ist im Stile eines russischen Bauernhauses gebaut.

An der Tür werden wir von zwei jungen Frauen in trachtenähnlichen Kleidern begrüßt, die leuchtend Grün und Rot sind. Der ganze Raum ist mit bunten Lichterketten und allen möglichen anderen Dekorationsartikeln geschmückt. Der erste Schock wird uns zusammen mit den Karten gereicht, denn alles ist in kyrillischer Schrift gedruckt. Glücklicherweise steht es noch einmal in Englisch darunter. Nach einigen kleinen Missverständnissen (Sind fried potatos gefrorene Pommes?) können wir bestellen. Die wenig freundlich dreinblickende Bedienung in Grün versteht anscheinend kein Wort Englisch, ein Problem, das uns, wie sich noch herausstellen sollte, häufiger begegnen würde. Doch mit Hand- und Fuß - Verständigung gelingt es uns, das gewünschte Essen zu bestellen.

In Russland wird, wie wir ebenfalls noch feststellen sollten, vor und zu jedem Essen sättigendes Brot gereicht, das genauso schmeckt wie in Deutschland. Kaum beginnen wir zu essen, geht ein Hintertürchen auf und eine junge Frau und ein junger Mann treten ein. Er spielt ein Instrument und sie singt mit außergewöhnlich klarer und schöner Stimme dazu, auf Russisch.

Das war also unser erster Abend in Russland. (Übrigens an alle, die sich nicht mehr erinnern können: Deutschland besiegte Costa Rica 4:2) Weiter geht's mit dem zweiten Tag (Wer hätte das gedacht?).

 

2. Tag: Samstag 10.06.2006

Nach einem guten Frühstück im Speisesaal des Ismailovo besichtigen wir zu Fuß einen im Stile eines russischen Dorfes aufgebauten Touristenmarkt nicht weit vom Hotel. Dann steigen wir erneut in den Kleinbus, in dem wir heute bei relativ gutem Wetter eine Stadtrundfahrt machen werden. Zu diesem Zweck begleitet uns eine Reiseleiterin namens Julia, die zu unserer Freude nicht nur Englisch, sondern auch sehr gut Deutsch spricht. Unser erstes Ziel ist natürlich der Rote Platz mit der Basilius-Kathedrale und dem Kreml. Der Rote Platz ist ja gar nicht rot, stellen wir fest (ja, natürlich wussten wir das schon vorher!). Bei der Gelegenheit lernen wir, dass "Rot" im russischen soviel wie "schön" heißt und der Rote Platz nicht deshalb so heißt, weil er rot ist, sondern weil man es eigentlich mit "Der Schöne Platz" übersetzen müsste (Ha! Wieder schlauer geworden!).

Russland_2006Bericht_5Julia erklärt uns einiges Wissenswerte über den Roten Platz, die einzigartige Kathedrale und natürlich auch über ihren Erbauer, Ivan den Schrecklichen. Die Kathedrale wurde anlässlich der Eroberung Kasans gebaut. Angeblich habe Ivan der Schreckliche die Baumeister blenden lassen, um zu verhindern, dass noch so eine schöne Kirche gebaut werden konnte. Langsam erschließt sich für uns sein Namenszusatz "Der Schreckliche".

Vorerst fahren wir weiter. Die Kremlbesichtigung werden wir am Nachmittag machen. Wenn man durch die Moskauer Straßen fährt, fällt es einem schwer zu vergessen, in welchem Land man sich aufhält. Oft sind beide Straßenseiten mit russischen Flaggen gesäumt (Wie auch auf dem Bild zu sehen).

Wenig später halten wir an einem See mit angrenzendem Park auf dessen anderer Seite ein Kloster steht, das so genannte Jungfrauenkloster. Wir bekommen ein paar kleine Anekdoten zu dem Kloster erzählt und ruhen uns für eine halbe Stunde im Park aus. Es ist noch nicht einmal Mittag und trotzdem sind wir alle schon ein wenig geschafft. Doch da wir hauptsächlich mit dem Bus fahren müssen, ist das nicht weiter schlimm.

Russland_2006Bericht_6Als nächstes halten wir auf den Sperlingsbergen auf einem großen Platz an, von dem aus man einen tollen Blick über Moskau hat. Der Platz ist voller Menschen. Das für uns Ungewöhnliche: Mindestens 20 Brautpaare und ihre Gäste stehen, tanzen und feiern auf diesem Platz. Alle Parkplätze sind mit großen, weißen Stretchlimousinen besetzt, deren Motorhauben oder Dächer mit Blumen geschmückt sind. Die meisten von uns haben noch nie zuvor so eine Limousine gesehen und dann gleich so viele auf einen Haufen, das ist in der Tat sehenswert.

Julia erklärt uns, dass es in Russland üblich ist, dass das Brautpaar mit einer solchen Limousine fährt und nach der Trauung zusammen mit den Gästen bekannte Plätze besucht. Zudem sei heute die "letzte Möglichkeit" zu heiraten bevor wichtige Festtage beginnen, an denen Heiraten nicht möglich ist, weil die Behörden geschlossen sind.

Eine halbe Stunde schlendern wir noch über den Platz auf dem Händler allen möglichen Kram verkaufen. Von Unmengen Matrioschkas (Die Puppe in der Puppe), über Fellmützen bis hin zu Heiligenbildchen wird alles feilgeboten.

Wir verlassen die Sperlingsberge wieder und fahren nun durch Moskau. Julia zeigt uns aus dem Bus heraus wichtige Gebäude- unser Bus verwandelt sich in einen richtigen "Sightseeingbus". Unterwegs kommen wir an einer Kirche vorbei - übrigens: Kirchen gibt es in Moskau eine Menge. Es vergehen eigentlich keine zehn Minuten, in denen wir nicht an einer vorbeigekommen wären, egal wie groß. Vor dieser eben erwähnten Kirche jedenfalls, steht eine nicht enden wollende Menschenschlange. Julia sagt, dass heute dort eine Reliquie zu sehen ist, die von Kirche zu Kirche geht.

Es ist inzwischen ziemlich heiß, doch die Menschen stehen geduldig in der Schlange und warten darauf, eingelassen zu werden. Noch oft sollten wir bemerken, dass die Menschen in Russland sehr viel gläubiger sind als bei uns in Deutschland. Gläubige Frauen und Mädchen, egal welchen Alters, betreten die Kirche nur mit bedeckten Kopf, sprich mit Tüchern, die sie sich übers Haar binden. Es gilt als unsittlich den Kopf unbedeckt zu lassen, da die Frauen mit ihren langen Haaren Männer verführen könnten.

Russland_2006Bericht_7Wir fahren weiter. Inzwischen ist der Nachmittag weiter vorangeschritten und nun steht noch die Kremlbesichtigung an. Was unsereins, durchweg fleißigen Schülern, bisher nur als ewiges Beispiel für die rhetorische Figur mit dem Namen Metonymie (Der Kreml gab gestern bekannt) geläufig war, können wir nun einmal in echt sehen. Der Kreml scheint überall zu sein. Die Mauern sind schier unendlich lang und die Erklärungen unserer Reiseleiterin ziehen sich durch ganz Moskau, solang, bis wir vor lauter Peters und Ivans nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht.

Aber zurück zum Gebäude. Der Kreml ist in der Tat riesig. Im Innenhof stehen viele große Gebäude: Fünf Kathedralen, ein riesiger Glockenturm, ein Zarenpalast, der Sitzungssaal für das russische Parlament, eine Kaserne für Elitesoldaten und natürlich das Regierungsgebäude. Wenn die Fahne auf der großen Kuppel gehisst ist, heißt das, dass der Kremlchef, momentan Putin, anwesend ist, erklärt uns Julia.

Wir steuern also auf eine der riesigen Kathedralen zu, die wir uns von innen anschauen können. Bis auf den Fußboden ist jeder freie Fleck an den Wänden mit Bildern von Jesu und Heiligen bemalt. Die Kirche ist voller Besucher und jeder Leiter, der ein kleines Touristengrüppchen hinter sich herzieht, muss ein wenig lauter reden, um den Kollegen zu übertönen- aber natürlich auch nicht lauter als es der Anstand in einer Kirche gebietet.

Unter der kostbaren Einrichtung ist auch ein alter Thron vorzufinden. Alles spiegelt den damaligen Reichtum der Zaren wider. Still drängen wir uns durch die Menschengruppen, verlassen die Kirche und stehen wieder auf dem riesigen Innenhof, an den die verschiedenen prunkvollen Gebäude grenzen.

Mehr Gebäude im Kreml werden wir nicht besichtigen. Julia erzählt, dass der Boden in einer der anderen Kathedralen aus Halbedelsteinen besteht. Für uns ist dass alles ein richtiger Reichtumsschock, könnte man sagen. Mittlerweile sind wir ziemlich erschöpft, bleiben aber dann und wann noch stehen, um uns von Julia noch einige wichtige Dinge erklären zu lassen.

Russland_2006Bericht_8Nach einiger Zeit führt sie uns wieder aus dem Kreml heraus und wir verabschieden uns von ihr. Danach gehen wir etwas (zugegebenermaßen Ungesundes) essen und setzen unseren Weg fort. Wir sollen heute zum ersten Mal mit der Metro fahren. In der unterirdischen Station setzen wir unsere Rucksäcke so herum auf, dass wir aussehen wie eine kleine Herde Kängurus. So kann uns niemand etwas in dem Gedränge stehlen. Die Züge kommen fast alle dreißig Sekunden und bleiben nur ca. 10 Sekunden stehen. Wer nicht im Zug ist, hat Pech. Die Metro ist total überfüllt und die Leute stehen sich gegenseitig auf den Füßen. Unfreiwillig findet man heraus, ob sein nächster Nachbar heute schon geduscht hat, oder nicht.

Bei der Anfahrt wird unheimlich beschleunigt, man fährt eine kurze Zeit und schon wird an der nächsten Station angehalten und man kann aussteigen, wenn man möchte. Beim ersten Mal ist die rasante Fahrt ein wenig ungewohnt, zumal man nicht wie ein einem Zug die Landschaft vorbeifliegen sieht, sondern nur in gähnende Schwärze blickt.

Nach ein paar Stationen steigen wir aus, um auf dem "Alten Arbat", der Fußgängerzone Moskaus, bummeln zu gehen. Natürlich stöbern wir das Hardrock-Café auf und lassen den Tag mit den zahlreichen und vielseitigen Eindrücken ausklingen. Schließlich kehren wir zum Hotel zurück und schmeißen uns und unsere mehr als schmerzenden Füße aufs Bett.

 

Russland_2006Bericht_9Abends werden wir zum Essen eingeladen. Der Vater eines unserer Mädchen, der sich zufällig geschäftlich in Moskau aufhält, überrascht uns mit dieser tollen Einladung. Wir essen im Restaurant des Hotels und bekommen ein typisch russisches Essen vorgesetzt, das man wirklich empfehlen kann!

 

 


Nach dem Essen fallen wir todmüde ins Bett. Schade dass wir morgen schon wieder so früh aufstehen müssen. Zumal die Zeitverschiebung zwei Stunden beträgt und es in Russland somit zwei Stunden später ist als in Deutschland. Seufz!





 

3. Tag: Sonntag 11.06.2006

Nach dem Frühstück warten bereits Julia und der uns inzwischen vertraute kleine Bus auf uns. Heute werden wir die Klosteranlage in Istra besuchen, ein Kloster, das dem Felsendom in Jerusalem nachgebaut wurde. Nach ca. zwei Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel. Ein Mönch (in zivil) führt uns durch das Kloster, Julia übersetzt, was er sagt. Der kleine Tempel ist sehr eindrucksvoll. Auch hier treffen wir viele Russinnen mit Kopftüchern an, die Kerzen aus Bienenwachs anstecken und beten. Die Treppe, die ins Innere des Tempels führt, hat 33 Stufen, für jedes Lebensjahr Jesu eine. Die nach oben gewölbte Decke ist kunstvoll verziert und auch der restliche Innenraum ist wunderschön.

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Andächtig sehen wir uns eine Weile um, bevor wir den Tempel verlassen, um über das Klostergelände zu schlendern. Weiter abseits steht ein originalgetreu nachgebautes, russisches Bauernhaus. Wir sehen es uns kurz an und machen dann eine kleine Pause, bevor wir die Hauptkirche besichtigen.

Der Boden der Kirche ist mit frischem Heu bedeckt, eine Besonderheit, die mit dem heutigen Pfingstfest zusammenhängt. In Russland sind die kirchlichen Feiertage genau zwei Wochen nach den deutschen.

Nachdem wir uns auch die Kirche angesehen haben, werden noch rasch ein paar kleine Ikonen und andere Andenken gekauft, dann geht es wieder zurück in die Moskauer Innenstadt. Denn noch haben wir viel vor: Wir wollen ins GUM, das größte Einkaufszentrum Russlands, bestehend aus mehreren Etagen und unzähligen Geschäften.

In Grüppchen erkunden wir es ein paar Stunden und kehren dann, genauso geschafft wie an den vorherigen Abenden, ins Hotel zurück. Dort wird dann schon das Wichtigste zusammengepackt, denn morgen soll es bereits mit der Eisenbahn weiter nach St. Petersburg gehen. Bei alldem, was wir in den bisherigen drei Tagen gesehen haben, kommt uns der Aufenthalt in Moskau bedeutend länger vor. Wir sind alle gespannt, wie St. Petersburg wohl sein mag, können uns allerdings gar nicht vorstellen, dass wir morgen um dieselbe Zeit schon in unseren russischen Gastfamilien sein würden. Doch jetzt heißt es erst einmal schlafen!

 

4. Tag: Montag 12.06.2006

Wie immer in aller Frühe aus dem Bett gekrabbelt, steht für uns heute noch eines in Moskau an: Direkt vor dem Hotel findet jeden Tag ein Markt statt, nebenbei der größte Gebrauchsgütermarkt Russlands. Wir brauchen also nicht weit zu gehen, schon befinden wir uns mitten im Getümmel. So viele Stände auf einmal haben wir noch nie gesehen!

Der Markt ist so riesig, dass man es innerhalb von zwei bis drei Stunden nur schwer schafft einmal drüber zu gehen und dabei auch noch ab und zu stehen zu bleiben und zu schauen. Es ist sehr verwinkelt und man muss darauf achten, sich nicht zu verlaufen. Die gegenüber stehenden Stände bilden enge Gässchen, in denen man sich durch Einheimische und natürlich auch andere Touristen quetscht. Manchmal werden wir von Händlern laut auf Russisch oder Englisch angesprochen und einige Male auch am Ärmel festgehalten, als Aufforderung, zu kaufen (Das machen wir natürlich nicht!).

Russland_2006Bericht_12So wie gestern ist es auch heute ziemlich warm. Man soll ja schließlich nicht meinen, dass in Russland ständig alles von Schnee bedeckt ist, auch wenn das einem die Bilder in den Medien, die Russland häufig nur im Winter zeigen, weismachen könnten. Wir zumindest, können uns ein winterliches Russland im Moment nur schwer vorstellen, denn bisher haben wir eher geschwitzt als gefroren. Folglich bekommt die Russin hinter ihrem Getränkestand ein paar Rubel (die wir nur noch Rubbels nennen) in die Hand gedrückt, damit wir die trockenen Kehlen wässern können (Übrigens: Die Fanta in Russland ist farblich viel dunkler als in Deutschland, schmeckt aber genauso).

Mit etlichen kleinen Souvenirs mehr im Rucksack, geht es zurück ins Hotel, wo wir unsere mittlerweile gepackten Koffer holen, um in der Lobby ein letztes Mal auf das Eintreffen des Kleinbusses zu warten, der uns gleich zum Bahnhof bringen wird. Wie so oft werden wir mit Verspätung abgeholt. Pünktlichkeit scheint nicht gerade eine russische Stärke zu sein. Irgendwann kommt der Bus dann aber doch noch und fährt uns zum Bahnhof.

Russland_2006Bericht_13Mit einem _lachenden und einem weinenden Auge_ nehmen wir Abschied von Moskau um uns am Abend ins "Abenteuer Gastfamilie" zu stürzen. Am Bahnhof sitzen wir dann auf "gepackten Koffern" und warten darauf, in die Eisenbahn einsteigen zu dürfen. Die Eisenbahn sieht wirklich, auch objektiv gesehen, denke ich, schön und ein wenig altmodisch aus.

Unser Abteil hat bequeme Sitze, auf denen wir die nächsten acht Stunden verbringen würden. Wir verstauen unser Gepäck und machen es uns bequem. Trotz der langen Fahrtzeit, wird es uns nicht langweilig. Wir lachen viel, tauschen unsere Zeitschriften aus, schlafen, hören Musik oder sitzen für eine halbe Stunde im feinen (und wunderbar klimatisierten) Speisewagen. Es verwundert nicht, dass wir acht Stunden fahren müssen. Verwöhnt vom ICE, kommt uns diese Eisenbahn so langsam vor, dass man aus dem Fenster heraus Blumen pflücken könnte (Ja, das ist natürlich übertrieben!).

Wie auch schon bei unseren Busfahrten, kommen wir an ausgedehnten Birken- und Kiefernwäldern vorbei. Bereits in den Kirchen und Klöstern, die wir gesehen haben, ist uns aufgefallen, dass die Birke in Russland eine zentrale und vor allem religiöse Bedeutung hat. Sie ist das Wahrzeichen Russlands und steht im Allgemeinen für Hoffnung. Abgesehen davon, dass in Russland weit mehr Wald ist als in Deutschland, ist die Vegetation recht ähnlich. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass auch Tiger in dem Land umherstreifen. Doch unsere Aufmerksamkeit richtet sich jetzt natürlich nicht auf Tiger, sondern erst einmal auf das Ankommen.

Gegen Abend hält der Zug endlich in St. Petersburg. Rasch nehmen wir unsere Koffer und Rucksäcke an uns und steigen aus. Mit breitem Lächeln werden wir von der Schulleiterin der Goethe- Schule begrüßt. Sie heißt Tatjana und einige von uns kennen sie bereits von ihren Besuchen in Deutschland her. Wir werden auf die Gastfamilien aufgeteilt.

Leider ist die Organisation nicht sehr gut, denn für vierzehn Personen sind nur vier Gastfamilien vorhanden. Drei der Gastfamilien nehmen zwei bis drei Schüler auf, der Rest, insgesamt acht Leute, kommt bei Tatjana unter. Bis auf drei von uns sollten wir in den kommenden Tagen in der Schule untergebracht werden (Die Schule hat ihr Einzugsgebiet über die ganze Stadt. Damit die Schüler nicht mehr nach Hause fahren müssen, wenn es abends noch Veranstaltungen in der Schule gibt, befindet sich in jedem Klassenraum ein Schlafsofa, das wir uns hinterher zu zweit teilen sollten.).

Auf dem Weg zu den jeweiligen Gastfamilien bekommen wir erste Eindrücke der Stadt. Man merkt sofort, dass man sich in einer Metropole aufhält. Die Straßen sind breit und voller Menschen, die Häuser riesig und alles summt trotz der Uhrzeit wie ein Wespennest, was jedoch im angenehmen Sinne gemeint ist. Sofort fällt auf, dass sich Moskau und St. Petersburg stark voneinander unterscheiden.

Moskau ist eine ziemlich alte Stadt, die bereits vor über 850 Jahren das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, und in der sich viele Epochen, zumindest was den Baustil anbelangt vereinen. Nicht zuletzt der Einfluss Stalins prägt dort das Stadtbild (Im Stadtkern findet man viele Gebäude aus der Zarenzeit [Barock und Klassizismus, vereinzelt auch noch altrussische Hochhäuser], um den innersten Ring befinden sich Gebäude aus der Stalinzeit, weiter außen finden sich die modernen Plattenbauten mit bis zu vierzig Stockwerken.).

Hier ist es anders. Wie wir später erfahren sollten, ist St. Petersburg gerade einmal 250 Jahre alt. Alle Häuser sind sehr einheitlich gebaut, solche Hochhäuser und Plattenbauten wie in Moskau gibt es im Zentrum der Stadt nicht. Die Häuser hier sind zwar groß, aber breiter und niedriger als in Moskau. Nicht zuletzt weil die Häuser alle annähernd denselben Baustil vereinen, wirken die Straßen in sich stimmig. Da die Stadt, wie erwähnt, nicht einmal 300 Jahre alt ist, ist fast die gesamte Innenstadt im barocken und klassizistischen Stil erbaut.

Am Ende der Reise sollten wir uns alle einig sein, dass uns St. Petersburg viel besser gefällt als Moskau, obgleich beide Städte viel zu bieten haben.

Ganz gleich, wer in welcher Gastfamilie untergebracht ist, man kommt nicht umhin zu bemerken, dass wir zur Zeit der "Weißen Nächte" in St. Petersburg angekommen sind. In diesen Wochen wird es nie richtig dunkel. Die dunkelste Zeit liegt zwischen ein und zwei Uhr nachts, doch auch da ist es noch hell genug um draußen zu lesen. Das wirkt sich auch auf den Tagesrhythmus der hier lebenden Menschen aus. Selbst um ein Uhr nachts (!) sind noch alle Geschäfte geöffnet und die Straßen so voll wie in Deutschland an einem Samstagvormittag. Dafür müssen die St. Petersburger am nächsten Morgen später zur Arbeit, als es in Deutschland der Fall ist.

Die verspäteten "Arbeitszeiten" gelten leider nicht für uns. Am nächsten Morgen sollen wir uns um 9:00 Uhr im Speiseraum der Goetheschule treffen. Und so fern wie uns noch gestern St. Petersburg war, ist uns heute Abend Moskau. Merkwürdig wie erschöpft man von acht Stunden Fahrt mit der Eisenbahn sein kann. Na ja - Nichtstun ist mit Sicherheit auch anstrengend. Gute Nacht!

 

5. Tag: Dienstag 13.06.2006

Kaum treffen wir am nächsten Morgen wieder zusammen, werden die ersten Berichte über die Gastfamilien (falls vorhanden) ausgetauscht. Schon erstaunlich, was man von einem bisher so kurzen Aufenthalt alles berichten kann. Angefangen beim Haus, bei der eigenen Unterbringung, den eventuellen Haustieren und natürlich der russischen Familie an sich. Wir bekommen Frühstück und stärken uns für die bevorstehende Stadtrundfahrt. Leider erfahren wir, dass unsere Stadtrundfahrt wegen erneuter schlechter Organisation zu einem Stadtrundgang umfunktioniert werden muss.

Glücklicherweise kennt sich unser Lehrer, der schon mehr als zehn Mal in Russland war, in St. Petersburg aus und übernimmt die Führung. Wie immer haben wir tolles Wetter, hier ist es sogar noch wärmer als in Moskau. Heute soll es um die dreißig Grad werden. Doch bevor die Temperaturen derart angestiegen sind, haben wir schon eine ganze Menge gesehen.

Russland_2006Bericht_14Allein das Überqueren der Newa auf den langen Brücken dauert seine Zeit in St. Petersburg. Wir besichtigen die Christi - Auferstehungs- Kirche (Erlöser- Kirche auf dem Blute), die der Basilius- Kathedrale in Moskau nachgebaut ist (Sie wurde im Jahre 1904 an der Stelle erbaut, an der ein Attentat auf den Zaren verübt worden war), die riesige und ebenso eindrucksvolle Kasaner Kathedrale (die dem Petersdom in Rom nachempfunden wurde) und natürlich auch das Denkmal Peters des Großen (Der Eherne Reiter) auf dem Dekabristen-Platz.

Wie man vielleicht ahnen kann, sind die Strecken zwischen den einzelnen Gebäuden nicht gerade kurz und so sind wir ca. sieben Stunden in St. Petersburg unterwegs. Obwohl wir viel durch die Stadt laufen, fahren wir auch mit der Metro um uns den Weg zu verkürzen. Mit der St. Petersburger Metro hat es eine weitere Besonderheit auf sich. Die Metroschächte liegen bisweilen 50 Meter tief in der Erde, und um in kurzer Zeit nach unten zu gelangen, müssen wir mithilfe von langen und steilen Rolltreppen hinunter fahren. Beim ersten Mal krallen wir uns noch alle fest, gerade für Leute mit Höhenangst ist es eine kleine Tortur. Inzwischen stört sich jedoch keiner mehr daran, es ist beinahe zur Routine geworden. Mittlerweile können wir es sogar den Russen gleichtun, die in rasantem Tempo hinunter oder hinauf laufen.

Dennoch müssen wir viel und lange durch St. Petersburg laufen, schließlich sieht man ja nichts von der Stadt, wenn man nur mit der Metro hin- und hergondelt.

Russland_2006Bericht_15Apropos Gondeln: Von Verkehrsregeln scheinen die Leute hier nicht viel zu halten. Laut hupende Autos und rote Ampeln werden meist großzügig ignoriert. Das sind Situationen, bei denen wir uns manchmal nur die Hände vor die Augen schlagen können. Aber: Andere Länder, andere Sitten. Nur, dass wir uns in diesem Punkt den Gepflogenheiten anpassen wollen, stößt bei unsren Lehrern nicht auf Begeisterung. Wir bleiben da also beim deutschen "Wie-ich-die-Straße-zu-überqueren-habe-Schema".

Man kann es kaum noch ausdrücken, aber wenn wir schon in Moskau dachten, uns täten die Füße weh, war alles eine große Lüge. Als wir endlich wieder an der Schule ankommen, rauchen uns allen die Schuhe und Füße. An der Schule werden wir von den jeweiligen Gasteltern (falls vorhanden) mitgenommen. Treffpunkt für morgen ist wieder der Speiseraum der Schule.

 

6. Tag: Mittwoch 14.06.2006

Wir sitzen versammelt im kleinen Speiseraum der Schule und frühstücken. Heute steht die Besichtigung der Eremitage an. Die Eremitage war der einstige Winterpalast der Zaren, heute zählt sie als zweitgrößtes Kunstmuseum der Welt, in der Bilder von Cezanne, Monet Picasso und anderen bekannten Künstlern zu finden sind. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg. Die Goethe-Schule hat glücklicherweise eine sehr zentrale Lage, von der aus alles gut zu erreichen ist. Wie auch die Tage zuvor, ist es sehr warm und T-Shirt und Sonnebrille sind bei uns bereits zur "Grundausstattung" geworden.

Russland_2006Bericht_16Auch beim Betreten der Eremitage reichen die Worte "eindrucksvoll" und "einfach irre!" nicht mehr aus, um das, was man sieht, zu beschreiben. Der ganze Prunk und die vielen Gemälde "erschlagen" uns beinahe. So interessant es auch ist, durch diesen riesigen Palast mit den kostbaren (Wand-) Teppichen und Böden, hohen Räumen und seltenen Möbeln zu schlendern und sich diese faszinierenden Kunstwerke anzusehen, irgendwann ist man an dem Punkt angekommen, an dem man einfach nicht mehr alles fassen kann, weil es zu viel ist.

Man müsste jeder Türverzierung, jeder Wandvertäfelung und selbstverständlich den einzigartigen Bildern mehr Beachtung schenken als sie bekommen.

Wieder draußen setzen wir uns in die Sonne und ruhen uns ein wenig aus. Für Freitagabend kaufen sich einige Schüler und einer unserer Lehrer Karten für das weltbekannte Marinski Theater, das die Oper "Siegfried" von Wagner auf Deutsch aufführen wird. Dirigent ist Valery Gergijev, einer der renommiertesten Dirigenten unserer Zeit und dem St. Petersburger Philharmonischen Orchester.

Danach bummeln wir noch ein wenig durch St. Petersburg und kehren abends zur Schule zurück.

 

7. Tag: Donnerstag 15.06.2006

Russland_2006Bericht_17Heute steht ausnahmsweise nicht viel auf dem Programm, ein guter Grund für uns, noch motivierter als sonst zu sein. Wir wollen das "Russische Museum" besuchen und einen Winkel der Stadt erkunden, den wir bei unseren bisherigen Stadtrundgängen nicht mit einbezogen haben.

Schließlich ist St. Petersburg keine Stadt, die man in zwei Tagen gesehen hat. Im russischen Museum sehen wir abermals russische Kunst, wie z.B. Ikonen und Gemälde.

Danach gehen wir noch über einen kleinen Touristenmarkt, auf dem Andenken, Bücher, Bildbände; Schmuck und Unmengen der Matrioschkas verkauft werden. Für Sonntag, unseren letzten Tag in Russland, planen wir noch eine kleine Bootstour, dann haben wir Freizeit mit den Familien (falls vorhanden).

 


 

8. Tag: Freitag 16.06.2006

Nach dem recht erholsamen Tag gestern, haben wir uns für heute bei strahlendem Sonnenschein wieder viel vorgenommen. Wir wollen Peterhof, einen der vielen Sommerpaläste der Zaren rund um St. Petersburg, besuchen.

Russland_2006Bericht_18Nach ungefähr einer Stunde Fahrt mit einem Linienbus kommen wir an. Überall stehen kunstvoll verzierte Brunnen, Wasser speiende Skulpturen und kleine Spaßbrunnen, die dann ihr Wasser verspritzen, wenn man gerade nicht damit rechnet (Resultat: Nass!!!). Das Zentrum Peterhofs besteht aus künstlich angelegten Stufen, aus denen Wasserfontänen schießen. Das Wasser fließt über die Stufen, mündet in ein großes Becken, und von da aus in einen langen, offenen Kanal. Auf den Stufen und in dem Becken stehen symmetrisch angeordnete, vergoldete Figuren, die ebenfalls Wasserfontänen verspritzen. Der Wind trägt uns feine Wassertropfen entgegen, etwas, das sich bei dem warmen Wetter als sehr angenehm erweist.

Die wunderbare barocke Anlage liegt direkt am Finnischen Meerbusen, der Kanal, der vom Schloss aus ins Meer führt, mündet also direkt in die Ostsee. Bei dem Wetter ist es wunderbar durch den weitläufigen Park zu spazieren, Fotos zu machen und sich die "Wasserkunst" anzusehen. An einigen Stellen wird mit Baggern gearbeitet. Lange Zeit waren die Parkanlagen verwildert und die Gebäude, nicht nur Peterhof, heruntergekommen. Seit einigen Jahren kümmert man sich wieder verstärkter um die alten Sitze der Zaren und steuert ihrem Verfall entgegen.

Russland_2006Bericht_19Nach einigen Stunden treffen wir uns wieder draußen. Vor dem Schloss ist gerade ein kleiner Markt, und wer Lust dazu hat, geht noch einmal an den Ständen vorbei oder kauft sich ein kleines Andenken an Russland und speziell Peterhof.

Mittag ist schon vorbei, wir machen uns also auf den Weg zurück und warten auf den nächsten Bus. Auch hier gilt, wie bei der Metro: Wer nicht im Bus ist, hat Pech und muss auf den nächsten warten. Die Busfahrer nehmen keine Rücksicht, ob man erst halb eingestiegen ist oder ob der Rest der Gruppe noch fehlt. Doch bisher hat es immer unsere ganze Gruppe geschafft; sich zu trennen, käme natürlich auch nicht in Frage.

Sobald man eine Russin oder einen Russen ansieht oder anlächelt, schauen sie weg. Sie scheinen im Allgemeinen sehr unfreundlich zu sein und oft hat man den Eindruck, sie könnten einen auf den ersten Blick nicht leiden. Doch wozu gibt es Reiseführer? Einmal aufschlagen und nachlesen, schon wird man fündig. In einem dieser Reiseführer steht nämlich, dass sich die Russen Augenkontakt oder ein unverfängliches Lächeln für den privaten Bereich aufsparen und eben nicht gerne mit Fremden im Bus oder der Metro in Kontakt treten. Privat sind sie sehr freundlich und lachen viel, und wie jeder weiß, sind die Russen für ihre Gastfreundschaft bekannt.

Wir machen uns auf den Weg zurück zu Schule. Diejenigen, die heute Abend den Theaterbesuch machen werden, steigen mitsamt unserem Lehrer früher aus. Der Rest fährt mit unserem anderen Lehrer zur Schule und lässt sich dort von den Gastfamilien (falls vorhanden) abholen. Wieder kann ich nur von der "Theatergruppe" berichten, aber für die anderen war das Programm mit Peterhof so oder so beendet.

Russland_2006Bericht_20Wir machen uns also auf den Weg zur nächsten Metrostation. Von dort aus fahren wir in die Nähe des Marinski Theaters, Marinskimachen noch einen kurzen Stopp in einer Imbissbude, damit unsere knurrenden Mägen die Vorstellung nicht stören und hasten dann, mal wieder unter Zeitdruck, zum Theater. Wie überall sind die Sicherheitskontrollen auch hier sehr streng. Nacheinander müssen wir unsere Rucksäcke öffnen und sie den äußerst finster dreinblickenden Sicherheitskräften zeigen, erst dann dürfen wir die schöne Treppe nach oben gehen.

Wie sitzen in einer Sechser-Loge. Vor uns sitzt eine ältere Dame, die Russin zu sein scheint, aber Deutsch spricht und mit ihrem kleinen Opernglas die Leute im Theater ausspäht, solange die Vorstellung noch nicht begonnen hat. Wie so oft in Russland, sind wir mitten unter Japanern. Die von uns aus gesehen rechte Loge ist mit Japanern besetzt, die linke auch, mit Ausnahme eines anderen Besuchers, der uns mit so mörderischem Blick mustert, dass wir schnell wieder die Blickrichtung wechseln und dazu übergehen, das Theater zu bewundern.

Einmal mehr wird uns bewusst, wie viele eindrucksvolle, überwältigende und prunkvolle Gebäude wir in der kurzen Zeit, die wir in Russland sind, bereits gesehen haben. Auch der Innenraum (selbstverständlich auch die Außenansicht) des Marinski Theaters ist ein barockes Kunstwerk für sich. Die Decke ist nach oben gewölbt und mit aufgemalten Engeln verziert, außerdem kann man überall im Saal die angebrachten Ornamente bewundern.

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Wir haben einen guten Blick auf die Bühne. Endlich wird es dunkel und das Stück beginnt. Nach kurzer Zeit steht fest: Trotz der Tatsache, dass das Stück auf Deutsch aufgeführt wird und wir uns anstrengen ein paar Wortfetzen zu identifizieren, verstehen wir nichts. Wie mochte es da wohl den Japanern gehen? Nach dreißig Minuten Langeweile, wie wir zu unserer Schande eingestehen müssen (Nein, wir sind nicht immer solche Kulturbanausen!) wagen wir einen Blick nach rechts. Die Japaner schlafen mit einer Ausnahme. Die Ausnahme, in Form eines Mannes mittleren Alters, sieht seine Frau bei jedem abgehackten Schnarcher vorwurfsvoll an, was die gute Frau jedoch nicht in ihren Träumen zu stören scheint.

Bevor wir völlig vom Glauben abfallen, drehen wir uns wieder um, nur um zu sehen, dass die Frau vor uns immer wieder mit dem Kopf nach vorne sackt, dann wieder gewaltsam die Augen aufreißt, eine halbe Minute auf die Bühne stiert und dann erneut einschlummert. Nun ist auch der letzte Rest unserer Selbstdisziplin hinfort.

Bevor unser Gähnen aber verebbt und leisem Schnarchen Platz macht, ist der erste Akt (in der Tat überraschend) zu Ende. Neben uns räkeln sich die Japaner und gehen nach draußen um sich die Beine zu vertreten. Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass weder unser Lehrer, noch unser einziger Junge, der auch zugegen war, eine Spur von Müdigkeit zeigten und das Stück als "sehr interessant und lohnenswert" bezeichneten.

Langsam beginne ich mich zu fragen, ob diese Oper vielleicht nur auf Frauen und uns Mädchen eine solch ermüdende Wirkung hat. Jetzt, da das Licht wieder an ist, verfliegt die Müdigkeit jedoch ein wenig, und wir versuchen uns den genauen Inhalt von unserem Jungen erklären zu lassen, bevor der zweite Akt beginnt. Mitten im Satz geht das Licht jedoch schon wieder aus und weiter geht es mit "Siegfried dem Drachentöter". Nach zehn Minuten breitet sich erneut eine schläfrige Stille aus. Der Blick auf die rechte Nachbar-Loge führt ins Leere. Die Japaner haben die Flucht ergriffen und sollten auch im weiteren Laufe des Stückes nicht mehr vom "Beine-Vertreten" zurückkommen.

Irgendwie gelingt es uns, die Pause bis zum dritten Akt zu überstehen, dann bitten wir darum, es den Japanern gleichzutun und uns in der Pause davonzuschleichen. Mit schlechten Gewissen, da wir ja anscheinend keinen Sinn für Kultur haben, drängen wir uns nach draußen. Bei einem kurzen Rundumblick stellen wir fest, dass hier viele Leute keinen Sinn für Kultur haben, denn wir sind nicht die einzigen, die die Pause nutzen, um das Theater zu verlassen.

Wir befinden uns nun in einem ganz anderen Stadtteil St. Petersburgs und nutzen die Gelegenheit, um uns unter der Führung unseres Lehrers noch ein wenig umzusehen. Nach knapp einer Stunde suchen wir die nächste Metrostation und fahren zurück.

Trotz dieser Schilderung unseres Theaterbesuches kann ich nur empfehlen, das Marinski Theater auch einmal zu besuchen. Das Orchester und der Dirigent (siehe oben) stehen in der Weltklasse weit vorne und auch wenn das Stück für Leute in unserem Alter alles andere als interessant sein könnte, lohnt es allein schon, sich das Theater einmal anzusehen. Lassen Sie sich nur nicht abschrecken!!!

 

9. Tag: Samstag 17.06.2006

Heute steht noch ein Höhepunkt unseres Besuches in St. Petersburg an. Wir werden Zarskoje Selo, den weltbekannten Katharinen - Palast mit dem Bernsteinzimmer, besuchen, der von der in Deutschland geborenen Katharina der Großen erbaut wurde.

Man mag es kaum für möglich halten, aber Tatjana hat es wirklich geschafft, einen kleinen (zu kleinen, um genau zu sein), klapprigen Bus aufzutreiben. Sie scheint zu dem Schluss gekommen zu sein, dass der Katharinen - Palast wohl doch zu weit entfernt ist, um ihn zu Fuß erreichen zu können. Tatsächlich fahren wir über eine Stunde, bevor wir den Palast erreichen. Es ist kaum erwähnenswert, dass es sehr warm ist (um nicht zu sagen heiß). Vor dem Palast in Zarskoje Selo haben wieder einmal zahlreiche Händler ihre Stände, hinter denen sie so ziemlich alles verkaufen, was man aus Bernstein anfertigen kann, aufgebaut. Zwischen dem uralten Baumharz ragen selbstverständlich die guten, alten und inzwischen vertrauten Matrioschkas auf - aus Holz, versteht sich.

Wir halten uns nicht lange auf und betreten die Anlage des Palastes. Obwohl man nur eine der scheinbar endlos langen Seiten sieht, kommt man sich vor wie eine Ameise, wenn ich es einmal einfach ausdrücken darf. An vergoldeten Ornamenten und Verzierungen haben die Zaren auch hier nicht gespart.

Doch wenn wir wirklich dem Irrglauben verfallen waren, den Palast ohne weiteres betreten zu können (Bezahlen und Sicherheitskontrollen jetzt einmal ausgenommen), dann wird uns jetzt klar, dass es so einfach nicht werden wird. Vor dem Eingang wuselt eine riesige Menschentraube herum, Leute unterschiedlichster Nationen, meistens in Gruppen mit dazugehörigen, schildhochhaltenden Gruppenführern, damit keiner von ihnen verloren geht. Anscheinend dürfen sich nie mehr als eine bestimmte Anzahl von Leuten im Inneren des Palastes aufhalten. Dafür sorgt die Sicherheitskraft, die die kleine Tür bewacht und alle bisherigen, finster dreinblickenden Sicherheitskräfte, die uns zuvor begegnet sind, in den Schatten stellt.

Man kann es dem Mann auch nicht verübeln. Die Sonne knallt, die Leute drängeln wie Hotelbesucher, die darauf warten, dass das Buffet eröffnet wird, und um alles vollkommen zu machen, wird er andauernd von den russischen Reiseleiterinnen (bisher habe ich nur weibliche gesehen) angeschrieen und bedrängt, er solle sie hinein lassen (Ich vermute, dass sie das gerufen haben, ich habe leider nur sechs russische Wörter gelernt). Ehe wir uns versehen, haben wir uns schon ins Getümmel gestürzt und testen unfreiwillig aus, mit wie wenig Platz ein Mensch auskommen kann.

Unglücklicherweise gibt es ein für uns sehr ungünstiges Auswahlverfahren, was den Einlass der Gruppen betrifft. Erst werden angemeldete, dann unangemeldete Gruppen und zum Schluss Einzelreisende hereingelassen. Immer mehr Gruppen stoßen hinzu und alle scheinen angemeldet zu sein. Wir stehen also dort, und haben scheinbar keine Chance hineinzukommen. Bis wir eine russische Gruppenführerin gefunden und uns angemeldet haben, vergeht über eine Stunde. Vollkommen geschafft dürfen wir eintreten, das heißt, wir versuchen uns an dem gestressten Mann vorbeizudrängen. Unsere Lehrer müssen höllisch aufpassen, dass wir alle durch die Tür kommen, denn hier ist es noch schärfer geregelt als mit der Metro: Ob man noch halb in der Tür hängt oder nicht, spielt keine Rolle.

Während wir hineinstolpern, versuchen sich alle anderen Gruppen durch die halb offene Tür zu quetschen. Da endlich geht die Tür zu (gewaltsam und mit viel Anstrengung) und der Lärm von draußen verstummt. Angenehme Ruhe folgt. Wir ziehen die grell-violetten Schuhüberzieher, die wir bekommen, an und folgen unserer russischen Reiseleiterin, die nicht annähernd so gut Deutsch spricht wie Julia in Moskau und die es einem schwer macht, etwas zu verstehen. Das nötigste bekommen wir jedoch mit und mehr ist momentan auch nicht erforderlich. Die prunkvollen Räume sprechen für sich. Jeder einzelne ist das Spiegelbild des immensen Reichtums der Zaren und auch des Versuches, anderen Herrschern ihre Macht zu demonstrieren.

Russland_2006Bericht_22Beim Eintreten denkt man, die Räume bestünden nur aus Gold. Überall hängen vergoldete Spiegel und alte kostbare Gemälde. Auch die Möbelstücke, wenn noch vorhanden, sind aufwendig gearbeitet. Von jedem Mitglied der Zarenfamilie hängt ein Portrait an einer der Wände in den zahlreichen Räumen. In einigen der Räume wird noch aufwändig restauriert, da nach der Zerstörung durch die SS im zweiten Weltkrieg noch nicht alles wieder hergerichtet ist.

Wir sehen nur einen Bruchteil des Katharinen-Palastes, doch der Prunk, der einem entgegenschlägt, lässt den Prunk im nächsten Raum schon selbstverständlich werden. Man kann einfach nicht mehr die Bewunderung und das Staunen aufbringen, dass diesen Kunstwerken, und damit meine ich nicht nur die Bilder, die an den Wänden hängen, sondern die Räume an sich, eigentlich Zuteilwerden müsste. Selbst der Boden ist so einzigartig und schön, dass man die Überzieher mit vollem Verständnis trägt.

Das Bernsteinzimmer setzt alldem die Krone auf. Da stehen wir nun in dem Raum, den Friedrich der Große einst Katharina der Großen schenkte. Helle, dunkle, kleine und große Bernsteine sind zu einem atemberaubenden Kunstwerk zusammengefügt. Wie im Rausch verlassen wir den Palast und sehen uns im Souvenirshop um. Draußen sammeln wir uns und erhalten "Freigang". Wir dürfen uns in dem riesigen, angrenzenden Park umsehen. Der Park ist im englischen Stil angelegt worden. Direkt vor dem Schloss liegt ein Barockgarten im italienischen Stil, indem alles streng symmetrisch angeordnet und perfekt gepflegt ist.

Russland_2006Bericht_23Der Park im englischen Stil hingegen, ist eine künstlich erstellte und geplante "zufällige Wildnis".

Wir gehen ein wenig spazieren oder setzen uns einfach nur auf eine der Bänke um die Sonne zu genießen. Auch hier begegnen uns wieder einige Brautpaare, ein Anblick, den wir inzwischen so gewöhnt sind wie den der Matrioschkas.

Als wir wieder im Bus sitzen, sind wir zugegebenermaßen am Ende. Langsam wird die Freude auf zu Hause immer größer. Keiner von uns hätte gedacht, dass wir gerade einmal zehn Tage in Russland sind. Allein der Aufenthalt in Moskau scheint mehrere Wochen zurückzuliegen. Wir mutmaßen, dass einerseits die großen räumlichen Entfernungen, andererseits die ganzen Eindrücke, die auf uns einprasseln für unser unintaktes Zeitgefühl verantwortlich sind.

Morgen ist unser letzter Tag in Russland. Wieder ist es kaum vorstellbar, dass wir in zwei Tagen zurück in Schwerte sein würden. Jetzt jedenfalls sitzen wir alle im Bus, der die Schule anfährt, an der wir uns wie immer trennen und uns morgen ein letztes Mal treffen würden.

 

10. Tag: Sonntag 18.06.2006

Bevor wir uns heute auf unsere Bootsfahrt durch St. Petersburg freuen können, eröffnen uns unsere Lehrer, dass uns noch ein Stadtrundgang bevorsteht. Immerhin kennen wir ja noch lange nicht alles. Unsere Motivation steigt nicht ins Unermessliche, als wir erfahren, dass wir wieder mit einem der Linienbusse fahren müssen. Der Bus kommt in Sicht- auf die Plätze-, er nähert sich -fertig-, er bremst und bleibt stehen - Los!!!-. Ungefähr so kommt es mir vor.

Russland_2006Bericht_24Natürlich schaffen wir es alle wohlbehalten in den Bus, würde jemand fehlen, würden wir selbstverständlich alle zackig wieder aussteigen oder solange auf den Busfahrer einreden, bis er die Türen wieder öffnet. Auf unserer "Besichtigungs-Liste" stehen als Nächstes zwei Klöster. Das erste ist das imposante Smolny-Kloster, das wir allerdings nur kurz von innen sehen, da es heute als Konzertsaal und Museum dient.

Weiter geht es zum Alexander-Newski-Kloster. Dieses Kloster ist eines der so genannten "Lawras", die in Glaubensangelegenheiten höchsten kirchlichen Einrichtungen der russisch-orthodoxen Kirche.

Wir gehen durch eine Art Tor und finden uns auf einem Weg wider, der zur Kirche führt. Uns entgegen kommt ein Mann, dem beide Beine amputiert wurden und der sich nur mithilfe eines Brettes, unter dem vier Rollen befestigt sind, fortbewegen kann. Nicht zum ersten Mal wird uns der Unterschied zwischen Arm und Reich in Russland gewahr. Es gilt fast immer: Entweder arm oder reich, so etwas wie eine Mittelschicht gibt es nicht so ausgeprägt wie bei uns, Leute die in der Mitte stehen, sind selten.

Wir erreichen die Kirche. Vor dem Eingang steht ein orthodoxer Priester (ein sehr freundlicher Mann), der kontrolliert, wer hinein darf und wer nicht. Das macht er allein an der Kleidung fest. Wir müssen sowohl Arme als auch Beine, sowie den Rest unserer Haut mit Ausnahme des Gesichtes (und des Halses und der Hände natürlich) bedecken, bevor wir eintreten dürfen. Eines unserer Mädchen, das einen Rock trägt, muss draußen bleiben. Immerhin müssen wir Mädchen auch diesmal nicht unser Haar unter Tüchern verstecken. Der Innenraum dieser Kirche ist sehr groß.

Russland_2006Bericht_25Wie im Kloster in Moskau stecken die Frauen auch hier dünne Kerzen aus Bienenwachs an, die die Kirche mit einem angenehmen Duft erfüllt. Schweigend sehen wir uns alles an und treten dann wieder ans Tageslicht. Danach schauen wir uns auf dem angrenzenden Friedhof um. Abgesehen von der kyrillischen Schrift auf den Grabsteinen gibt es eigentlich keinen Unterschied zu einem deutschen Friedhof.

Nach gut einer Stunde verlassen wir das Kloster und besorgen uns Metro-Münzen. In Moskau hatte man eine Karte kaufen müssen, die man in den Automaten schob, hier in St. Petersburg gibt es Münzen. Wenn man eine Station betritt, stehen die Automaten in einer Reihe, abgesperrt mit den Schranken, die nur zu Seite gehen, wenn man die Münze einwirft. Auch hier gibt es keine Rücksicht auf Verluste. Wer die besagte Schranke nicht schnell genug passiert, bekommt sie mit voller Wucht in der Magengegend zu spüren (Das ist keinem von uns passiert, aber wir wurden bereits in Moskau davor gewarnt).

Einige Stationen weiter steigen wir aus. Wir steigen früher aus als nötig, da es noch einiges zu sehen gibt. Auf dem Weg zur Peter- und Paul Festung passieren wir das Ingenieurschloss und das Marsfeld mit dem ewigen Feuer. In Gedanken ist zwar jeder von uns schon bei der hoffentlich erholsamen Schiffsfahrt, doch als wir vor der Kathedrale in der Peter- und Paul Festung stehen, wird auch das kurzfristig verdrängt. Majestätisch hebt sich der über 100 Meter hohe Turm mit der goldenen Spitze gegen den tiefblauen Himmel, an dem keine Wolke zu sehen ist, ab.

Wir müssen einige Meter laufen, bis wir das ganze Gebäude sehen können, so hoch ist es. Auch das Fotografieren erweist sich als äußerst schwierig. Wenn man vor der Peter- und Paul Kathedrale steht, kommt man sich klein, um nicht zu sagen winzig vor. Doch diese Festung soll das letzte sein, was wir vor unserer Abreise noch besichtigen werden. Also setzten wir uns ein wenig in den Schatten und beobachten die Leute, die staunend und mit ehrfürchtigen Blicken vorbeigehen.

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Nach dieser kurzen Pause machen wir einen kleinen Abstecher zur Newa. Das Besondere: Mitten in St. Petersburg gibt es einen kleinen Badestrand! Wegen der Hitze ist der ganze Strand voller Menschen. Es ist gewöhnungsbedürftig, mitten in einer Metropole, nicht weit von der nächsten Brücke entfernt, einen Badestrand zu sehen. Doch mittlerweile kann uns nichts mehr wundern.

Russland_2006Bericht_28Endlich können wir uns auf den (langen) Weg zum Anlegesteg machen, an dem unsere Bootstour beginnen wird. Es geht ohne Verzögerung los. Zusätzlich steigen noch andere Leute ein, Russen, wie wir vermuten. Im Boot steht eine Frau mit Mikrofon, die eine Menge erklärt. Eine Menge auf Russisch erklärt. So also geht die unverständliche Sprache im Hintergrund für unsere Ohren in ein leicht zu ignorierendes Geplätscher über und wir genießen es, einfach nur im Boot zu sitzen und die Straßen St. Petersburgs einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir sind uns alle einig, dass dies ein gelungener Abschluss unseres Russlandaufenthaltes ist.

Jetzt heißt es Abschied nehmen von St. Petersburg. Um 23 Uhr - dank der weißen Nächte ist es noch genauso hell wie am Tag- treffen wir uns am Bahnhof. Wir werden die heutige Nacht im Schlafwagen verbringen. Wir verabschieden uns von unseren Gastfamilien (falls vorhanden). Auch Tatjana hat sich eingefunden und reicht unserem Lehrer mit dem üblichen breiten Lächeln die Hand. Dann können wir einsteigen. In jeder der Kabinen befinden sich vier Betten. Irgendwie schaffen wir es, unsere viel zu großen Koffer unter ihnen zu verstauen, ohne uns gegenseitig über den Haufen zu rennen oder von einem der Gepäckstücke erschlagen zu werden. Noch einmal gehen wir zur Tür und werfen einen letzten Blick auf Tatjana, unsere Gastfamilien und natürlich auf St. Petersburg. Schon fährt die Eisenbahn an und wir kehren zurück in unsere Kabinen.

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Nachdem wir von unseren Lehrern mindestens fünf Mal ermahnt wurden, von innen abzuschließen, haben wir unsere Ruhe. Man merkt kaum, wie der Zug sich bewegt und nun inspizieren wir erst einmal die kleinen Lunchpakete, die jeder Reisende in diesem Zug bekommen hat. Neben Brot, Käse und Wurst finden wir in der Verpackung auch eine Zahnbürste, einen Kamm, Seife und Schuhputzmittel. Hier wurde wirklich für alles gesorgt.

Da es bereits spät ist und keinem von uns der Sinn danach steht, noch im Zug herumzulaufen, tun wir das einzig Richtige (Schlafen!!!). Doch vor dem Schlafen wird natürlich noch geredet. Es lässt sich nicht verleugnen, dass wir uns alle sehr auf zu Hause freuen. In den schillerndsten Farben malen wir uns aus, wie es ist, wenn wir endlich wieder im vertrauten Schwerte sind. Unser Lieblingsthema ist, wie ich glaube, das Begrüßungsessen.

Nach fast zwölf Tagen russischen Essens und Imbissbuden-Ernährung äußert jeder seine Wünsche, oft auch schon beim Telefonat mit den Eltern. Die Palette geht von einem einfachen Salat, über vernünftiges Obst bis hin zur guten deutschen Currywurst mit Pommes. Allein bei dem Gedanken daran läuft uns das Wasser im Mund zusammen und wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf den Boden sabbern. Mit diesen ungewöhnlichen Gedanken schlafen wir ein. In gemütlichem Tempo zockelt die Eisenbahn Richtung Moskau.

 

11. und letzter Tag: Montag 19.06.2006

Eine Stunde vor unserer Ankunft in Moskau werden wir von unbarmherzigen Stimmen (natürlich den Stimmen unserer Lehrer) aus dem Schlaf gerissen. Benommen räkeln wir uns aus den Betten und packen das wenige, das wir gestern gebraucht haben, wieder ein. Pünktlich um acht Uhr hält die Eisenbahn in Moskau. Wir steigen aus und werden mit kleinen Lunchpaketen empfangen, die der Vater des Mädchens gestiftet hat, der uns an unserem zweiten Tag in Moskau auch zum Essen eingeladen hat.

Unser Flug geht erst am späten Nachmittag. Somit haben wir noch jede Menge Zeit, bevor wir am Flughafen sein müssen. In aller Ruhe frühstücken wir. Danach werden wir von den zwei jungen Frauen, die uns vor zehn Tagen vom Flughafen abgeholt haben, per Bus zum Flughafen gebracht. Wir verabschieden uns auch von ihnen. Nun heißt es warten. Unser Flug geht erst in mehr als vier Stunden, also müssen wir uns die Langeweile mit Musik, Lesen oder Kartenspielen vertreiben.

Auch wenn man nicht daran glaubt, aber auch drei Stunden sind irgendwann um und wir können einchecken. Noch einmal heißt es eine Stunde warten, bevor wir in den Flieger können. Wenn es wirklich stimmt, dass Warten das Leben verlängert, dann haben wir heute bestimmt noch einmal zehn Jahre hinten dran gehängt.

Russland_2006Bericht_30Der Flieger ist nicht einmal halb voll, schließlich ist es Montag und die Ferien beginnen erst in einer Woche. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, scheint die Sonne als wir abfliegen. Es ist also davon auszugehen, dass es in Deutschland regnet, wenn wir ankommen. Wir werfen einen letzten Blick auf Moskau und die dichten Waldflächen Russlands die immer kleiner werden, bevor sie unter der Wolkendecke verschwinden. Die drei Stunden vergehen wie im Flug (im wahrsten Sinne des Wortes nämlich) und nachdem wir auch ein Gewitter gut überstanden haben (im Sitz festkrallen, versuchen nicht zu schreien und der Stewardess glauben, dass es nur "kleine Turbulenzen" sind - das gilt zumindest für die mit Flugangst), landen wir. Es regnet. Herzlich Willkommen in Deutschland!

Die Stewardess leiert ihren üblichen Text hinunter und wir können aussteigen. Schnell geht es zu den Kofferbändern, an denen wir von unseren Eltern bereits erwartet werden. Juhu! Endlich wieder zu Hause!!!

 

Rückblick

Rückblickend kann man, wie ich meine, sagen, dass diese elftägige Reise nach Russland wohl zu den interessantesten und facettenreichsten gehört hat, die wir bisher gemacht haben. Man kann nicht leugnen, dass sich Russland stark von Deutschland unterscheidet, dass vieles anders gehandhabt wird, als es bei uns der Fall ist, und dass auch die russische Mentalität im starken Kontrast zu der deutschen steht. Auch kann man nicht umhin zu bemerken, dass vieles härter geregelt ist, selbst wenn es nur um Lappalien wie das Einsteigen in einen Bus geht. Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich wird einem besonders in den Metropolen bewusst, ein Zustand, der, wie man unschwer erkennen kann, auch zur Zarenzeit herrschte. Die Klöster, Paläste und anderen Bauwerke, die wir so bewundert haben, spiegeln auch immer ein Stück Geschichte wider, eine Zeit in der die Zaren das Volk ausgebeutet haben, um eben diese Bauwerke errichten zu können.

Nach nur elf Tagen in diesem fremden Land haben wir gelernt, unsere deutschen Verhältnisse zu schätzen. Es wird einem deutlich, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der es selbstverständlich auch Armut gibt, nur nicht so verbreitet wie in Russland.

Wir haben nur einen Bruchteil des größten Landes der Welt gesehen, dennoch mag es gereicht haben, um einige Vorurteile aus dem Weg zu schaffen. Es fasziniert immer wieder aufs Neue, eine neue Kultur zu entdecken, vor allem, wenn man sie "hautnah" zu spüren bekommt. Viele Ängste und Vorurteile sind unbegründet, doch man erlebt alles sicherlich ein wenig anders als es vielleicht in Frankreich oder Italien der Fall ist.

Ob man nach dieser Reise weiß, dass man nie wieder nach Russland kommen möchte, oder ob man sich auch nur entscheidet in ein paar Jahren noch einmal zurückzukehren - das alles bleibt einem selbst überlassen. Letztendlich kommt es vor allem auf die Erfahrungen und Erlebnisse an, die man dort machen kann, und die man sich keineswegs durch unbegründete Abneigung verbauen sollte. Wir haben in diesen elf Tagen so viel gesehen, dass es schwer fällt, all das zu verarbeiten. Zurück bleiben die ganzen Erinnerungen, die Fotos und die kleinen Andenken, die wir aus Russland mitgenommen haben.